Muss es gleich eine Kreuzfahrt sein? Wie man auch ohne Prämien Azubis gewinnt

One Week Experience auf dem Reinickendorfer Ausbildungsdialog

30 % der Berliner Ausbildungsbetriebe können nicht alle Azubistellen besetzen. Deshalb trafen sich beim 11. Reinickendorfer Ausbildungsdialog – organisiert vom Ausbildungsverbund Reinickendorf (RAV) – Unternehmen, Lehrkräfte und Akteure der beruflichen Bildung und sprachen darüber, wie junge Menschen für Ausbildungsberufe gewonnen werden können. Mit dabei unsere Mitarbeiterin Josephine Diallo mit spannenden Insights aus unserer täglichen Arbeit im Bereich Azubi-Marketing und Azubi-Recruiting.

Optimierung des Bewerbungsprozesses

Während einige Unternehmen mit Prämien wie Autos und Kreuzfahrten um Azubis werben, lassen sich Bewerber*innen durch Optimierung des Bewerbungsprozesses viel effektiver vom eigenen Ausbildungsangebot überzeugen. Im Fokus stand an diesem Abend deshalb das Thema Bewerbungsgespräch. Zentrale Frage des Abends war, wie Unternehmen das Bewerbungsgespräch nutzen können, um Azubis für sich zu gewinnen.

Wer bewirbt sich eigentlich bei wem?

Um hierauf eine Antwort zu finden, stellt sich zuerst aber eine andere Frage: Bewerben sich lediglich die Jugendlichen bei den Unternehmen? Oder führt die Tatsache, dass die Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, weil nicht genügend passende Bewerbungen eingegangen sind dazu, dass sich auch die Unternehmen bei den Jugendlichen bewerben müssen? Für viele Unternehmen geht es heute nicht mehr darum, Bewerbungen auszusortieren – oft haben die Bewerber*innen sogar die Qual der Wahl. Studien zeigen, dass 60 % der Bewerber*innen mehr als eine Zusage erhalten. Das Bewerbungsgespräch nimmt also eine entscheidende Rolle bei der Nachwuchssicherung ein – denn hier kommt es zum tête-à-tête. Oftmals sind Bewerbungsgespräche aber noch nicht zeitgemäß, also an die Herausforderungen des Azubimarktes angepasst und verbleiben in alten Strukturen. Wie man es am Besten nicht macht, verdeutlichte an diesem Abend die Simulation eines Bewerbungsgesprächs von zwei Azubis der Euro-Schulen Berlin: Der interviewende Ausbilder stellte knappe Fragen, die der Bewerber brav beantwortete. Soweit, so gut, derlei Fragen zielen schließlich darauf ab festzustellen, ob sich die Bewerber*innen vorab mit dem Unternehmen und dem Beruf beschäftigt haben. Aber was ist mit der Vorstellung des Unternehmens durch den Ausbilder selbst? Während der Simulation versuchte der Ausbilder gar nicht, den Ausbildungsinteressierten für das Ausbildungsangebot zu begeistern, sondern hielt sich an seinem standardisierten Fragenkatalog fest.

So holt man die Generation Z ab

Wie geht es also anders? Voraussetzung dafür den Bewerbungsprozess optimieren und an die Zielgruppe anpassen zu können, ist zunächst erst einmal ein Verständnis der „Generation Z“, d. h. der momentanen Ausbildungsgeneration. Spannende Einsichten kamen hierzu von Unternehmenscoach Ramona Mietzschke: Jede Generation ist von verschiedenen Ereignissen, Technologien und Ansichten geprägt und hat ihre eigenen Werte und Ansprüche an das Leben und die Arbeit. So ist für die Generation Z Feedback beispielsweise wesentlich wichtiger als für andere Altersgruppen. Wer als „Digital Nativ“ mit sozialen Medien, permanentem Liken und Kommentieren aufwächst, dem sind 6-monatige Feedbackgespräch schlicht zu wenig. Ramona Mietzschke machte in ihrem Input deutlich, dass es nicht nur für Adidas und H&M wichtig ist, die Bedürfnisse ihrer Zielgruppen zu kennen. Wer Erfolg beim Azubi-Recruiting haben möchte, muss die Generation Z inkl. der Erwartungen und Wünsche kennen, die sie an ihre Arbeit und ihre Arbeitgeber haben. Dass dies auch in Bezug auf das Halten der Azubis wichtig ist, zeigt eine andere wichtige Statistik der letzten Monate: Einer neuen Studie zufolge bricht jede*r 4. Azubi die Ausbildung ab.

Und wie geht das nun?

Alles schön und gut – aber wie setzt man das Wissen um die Eigenheiten der Generation Z nun in der Praxis um? Nach zwei Jahren mit One Week Azubi haben wir mit unzähligen Jugendlichen gesprochen, viele Unternehmen besucht, haben täglich Kontakt zu Azubis und tauschen uns regelmäßig mit Akteur*innen aus dem Bereich der beruflichen Bildung aus. Kurzum, wir erleben den Ausbildungsmarkt aus allen Perspektiven. In ihrem Vortrag gab Josephine, Programmleitung von One Week Azubi, praktische Beispiele, wie das Bewerbungsgespräch auf die Eigenheiten der Generation Z angepasst werden kann. Sie beleuchtete vier Dimensionen, die bei der Ausbildungsentscheidung eine wichtige Rolle spielen:

Die 4 Dimensionen bei der Ausbildungsentscheidung

1. Ausbildungsinhalte: Selbstbestimmung, Sinn und gesellschaftliche Nützlichkeit der Tätigkeit

Bei der Vorstellung der Ausbildungsinhalte können Ausbilder*innen und Personaler*innen zum Beispiel darauf achten, stets den Bezug zum großen Ganzen herzustellen. Warum sind die einzelnen Tätigkeiten wichtig und wie reihen sie sich in das Unternehmensziel ein? Jugendliche möchten verstehen, warum sie etwas machen und was der Sinn dahinter ist.

2. Arbeitszeiten: Planbare und verlässliche Rahmenbedingungen, um Freizeit und Arbeit miteinander vereinen zu können

Für die Generation Z ist Freizeit wichtig – das bedeutet nicht, dass sie nicht bereit ist, mit vollem Elan zu arbeiten. Sie möchte aber vorher wissen, wann Zeit für Freunde, Familie und Hobbies ist. Beim Bewerbungsgespräch sollte deshalb kommuniziert werden, wie die Arbeitszeiten aussehen, und inwiefern eine Planbarkeit des persönlichen Lebens ermöglicht wird (z. B. ob die Schichtpläne frühzeitig kommuniziert werden).

3. Sicherheit, bei guter Leistung eine faire Chance zu haben, vom Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden

Sofern es die Möglichkeit gibt, sollten Unternehmen spätestens im Gespräch darauf hinweisen, dass es nach der abgeschlossenen Ausbildung eine Übernahmechance gibt. Noch besser, nämlich authentischer wäre es, wenn Mitarbeitende mit am Bewerbungstisch sitzen, die im Unternehmen als Azubis angefangen haben. Denn dies wirkt viel glaubwürdiger als eine bloße Zusicherung von Seiten des*der Ausbilder*in. Und wenn der*die passende Mitarbeitende keine Zeit hat, kann vielleicht anhand des Teambilds der interne Karrierewege der einen oder anderen Beschäftigten erläutert werden.

4. Art der Informationsvermittlung: Authentizität in der Darstellung des Ausbildungsberufes und der Kommunikation mit Kollegen und Vorgesetzten

Heutzutage schaut man nicht mehr Fernsehen, sondern Youtube. Youtube Influencer haben Channels (Kanäle) mit Millionen von Followern. Auf diesen berichten sie von Themen aus ihrem Alltag und zeigen sich so, wie sie immer sind. Die Generation Z möchte ehrliche Infos. Im Bewerbungsgespräch ist das nicht anders: Die potentiellen Azubis von heute möchten wissen, wie die Ausbildung wirklich ist! In ihrem Vortrag machte Josephine deutlich, wie wichtig es für Unternehmen ist, auf die Bedürfnisse der potentiellen Azubis einzugehen. Ist es vielleicht möglich, das Bewerbungsgespräch mit einer Unternehmensführung zu ergänzen, bei der sich die*der Bewerber*in schon mal einen Einblick vom Arbeitsplatz machen kann? Ist es denkbar, die Azubis in den Bewerbungsprozess einzubinden? Niemand ist authentischer, als ein*e Azubi des Ausbildungsunternehmen, der*die von seiner*ihrer Ausbildung und dem eigenen Werdegang berichtet.

Potentiale entdecken und darauf eingehen

Letztlich geht es natürlich nicht darum, Azubis mit allen Mitteln zu überzeugen, die Ausbildung anzufangen. Es sollte schon auch die Frage geklärt werden, ob die Azubis persönlich oder mit Blick auf die schulischen Leistungen ins Unternehmen passen. So unterstrich Josephine auch, dass das Bewerbungsverfahren nicht gänzlich auf den Kopf gestellt werden muss. Es sollte aber an die Zielgruppe angepasst werden – dafür ist ein Umdenken in den Betrieben gefragt – eine Kreuzfahrt braucht es dafür aber nicht!

Interesse an weiteren Vorträgen?

  • Wer sich für die Inhalte des Vortrages unserer Programmleitung Josephine Diallo interessiert, findet eine Präsentation über die Möglichkeiten im Bewerbungsgespräch hier zum Download.
  • Gerne können sie uns auch kontaktieren, wenn Sie auf der Suche nach Vortragenden rund ums Thema Ausbildung sind. Wir teilen gerne unser Expert*innenwissen und unsere Erfahrung.
  • Einen knappen Bericht des Abends findet sich ebenfalls auf der Webseite des RAV.

Weitere aktuelle Artikel

… findest du in unserem Blog!